20 Jahre nach „To Err Is Human-Building a Safer Health System“ – Eine bibliometrische Analyse der akademischen Rezeption des IOM-Reports

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Issue Date
2022-01-24
Issue Year
2022
Authors
Grawe, Petra
Editor
Abstract

Modern safety science owes much of its current theories and practical approaches to the critical analysis of socio-technological disasters in the nuclear, chemical, maritime, and aviation industries at the end of the 1970s and in the 1980s. Patient safety, by contrast, was not challenged by a single high profile event, but by the release of a single report by the Institute of Medicine in 1999: To Err is Human – Building a Safer Health System. The report expanded the level of conversation and concern about patient injuries and medical errors in health care both in the United States and abroad and led to an unprecedented provision of research grants in patient safety research, essentially launching the academic base for that work. Twenty years later, it is a good time to analyze how this seminal work was received in the academic literature, which authors and institutions had the greatest research activity, which national and international collaborations ensued, and how the ideas presented in To Err Is Human might have expanded and changed the academic discourse in the two decades to follow. To meet this aim, a bibliometric analysis was performed on all publications from 2000 – 2019 where the authors referenced to To Err Is Human as part of their scientific argument. 20.494 documents were retrieved, divided in three groups for analysis: a medical dataset, an anesthesiological dataset and a non-medical dataset. The majority of patient safety related research was carried out by researchers from North America, with little international collaboration. Over the years the thematic scope of the research diversified from the IOM report’s initial focus in many directions. Contrary to what might be expected from the IOM report’s central objectives, research on a systems approach to patient safety and on incident reporting were underrepresented. From a science safety perspective, the academic discussion was dominated by the theoretical framework proposed by James Reason.

Abstract

Hintergrund und Ziele: Einen großen Teil der heutigen Erkenntnisse und Theorien verdankt die moderne Sicherheitsforschung der Aufarbeitung von sozio-technologischen Katastrophen der Vergangenheit. Hauptsächlich wurden zur Verbesserung der Sicherheit Ereignisse aus den Bereichen der Chemie, Kernenergie, Schifffahrt und Luftfahrt aufgegriffen. Im Gegensatz dazu wurden die Bemühungen um die Patientensicherheit weniger durch ein einzelnes tragisches Patientenschicksal geprägt, sondern vielmehr durch eine Veröffentlichung des Institute of Medicine, welche 1999 erschien: To Err is Human – Building a Safer Health System. Dieser Bericht trieb die Diskussion und Forschung auf dem Gebiet der Patientensicherheit enorm voran und beleuchtete Probleme, welchen bis dahin wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden war. Die Vorschläge zur Vermeidung von Patientenschädigung und medizinischen Fehlern im Gesundheitswesen lösten ein großes akademisches Interesse am Thema der Patientensicherheit aus. Der IOM-Report „To Err is Human“ kann daher als entscheidender Meilenstein für die heutige medizinische Sicherheitsforschung angesehen werden. Methoden: Zwanzig Jahre später scheint ein guter Zeitpunkt zu sein, die akademische Auswirkung dieses bahnbrechenden Werks zu analysieren sowie zu untersuchen, in wieweit die in „To Err is Human“ aufgezeigten Ideen sich verbreiten konnten beziehungsweise welchen Veränderungen diese im Laufe der Zeit unterlagen. Um dieses Ziel zu erreichen wurde eine bibliometrische Analyse aller Publikationen durchgeführt, welche im Zeitraum von 2000 bis 2019 erschienen sind und welche den IOM-Report „To Err is Human“ in ihrem Literaturverzeichnis referenzieren. Es wurden 20.494 Dokumente aus der Datenbank Scopus identifiziert. Für die Analyse wurden diese Dokumente in drei Datensätze unterteilt: ein erster Datensatz, bestehend aus Dokumenten mit medizinischen Inhalten, ein zweiter Datensatz, bestehend aus Dokumenten mit nicht-medizinischen Inhalten und ein dritter Datensatz, bestehend aus Dokumenten mit anästhesiologischen Inhalten. Dieser dritte Datensatz wurde aus dem ersten Datensatz (medizinische Inhalte) extrahiert. Ergebnisse: In allen drei Datensätzen wurde der Großteil der Forschung zu Patientensicherheit in Nordamerika durchgeführt, mit sehr wenigen internationalen Kollaborationspartnern. Über die Jahre ging die thematische Entwicklung, ausgehend vom initialen Fokus des IOM-Report, fachbereichsabhängig in viele verschiedene Richtungen. Die Forschungen zu Fehlerberichterstattungs- und Meldesystemen (CIRS) sowie zu systemischen Ansätzen der Fehlerentstehung waren in den zu analysierenden Datensätzen in geringem Ausmaß vertreten, obwohl diese Aspekte zentrale Vorschläge von „To Err is Human“ darstellten. Aus der Perspektive der Sicherheitsforschung waren es vor allem die theoretischen Konzepte von James Reason welche in der Medizin zum Verständnis der Entstehung von Zwischenfällen, und zur Generierung von Lösungsansätzen herangezogen wurden. Schlussfolgerung: Insbesondere der anästhesiologische Fachbereich nahm Vorreiterrolle im Bereich der Patientensicherheit ein: Fehlermeldesysteme, interdisziplinäre Kommunikation, medizinische Ausbildung des Personals und Simulatortraining hatten hier bereits sehr früh einen hohen Stellenwert.

DOI
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