Evaluation der Behandlung von Gefangenen mit Opioidabhängigkeit im bayerischen Strafvollzug: Auswirkungen auf die Legalbewährung und geschlechtsspezifische Aspekte

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Granting Institution
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Philosophische Fakultät und Fachbereich Theologie
Issue Date
2024
Authors
Boksán, Klara
Editor
Abstract

Opioidabhängige werden im Strafvollzug unterschiedlich behandelt. Einige erhalten eine abstinenzorientierte Behandlung, d.h. einen ärztlich überwachten Entzug, andere eine medikamentengestützte Substitutionsbehandlung. Die Forschungslage zu diesem Thema, insbesondere im Hinblick auf empirische Daten aus dem europäischen Raum und aus Deutschland, ist dürftig. Daten, die an Opioidabhängigen in Freiheit erhoben wurden, sind nicht ohne Weiteres auf den Haftkontext übertragbar. Steigende Substitutionsraten in deutschen Justizvollzugsanstalten in den letzten Jahren deuten auf eine Umbruchphase hin. Ziel des Forschungsprojektes „Evaluation der Behandlung von Opioidabhängigen während der Inhaftierung in Bayern“ (Kurztitel: „Haft bei Opioidabhängigkeit – eine Evaluationsstudie“; HOpE-Studie) ist es, diese Phase des Wandels wissenschaftlich zu begleiten und politischen Entscheidungsträger:innen fundierte Ergebnisse zur Wirksamkeit der Substitutionsbehandlung in Haft zur Verfügung zu stellen. Um den aktuellen Forschungsstand zur intramuralen Substitutionsbehandlung zu erfassen, wurde in einem ersten Schritt eine Metaanalyse durchgeführt. Dafür wurden N = 15 internationale Studien metaanalytisch integriert. Darüber hinaus wurden im Rahmen des HOpE-Projekts eine Reihe von Daten aus unterschiedlichen Quellen (v.a. Interviewdaten, Haftakten, Informationen aus den Krankenabteilungen der teilnehmenden Justizvollzugsanstalten) an opioidabhängigen Inhaftierten im bayerischen Strafvollzug erhoben und ausgewertet. Von Interesse waren verschiedene Outcome-Variablen im Querschnitt (z. B. Verhalten der Gefangenen in der Haft, Analyse von Subgruppen) sowie im Längsschnitt (Effekte der intramuralen Substitutionsbehandlung z. B. auf den illegalen Drogenkonsum, die Beibehaltung der Behandlung und die Legalbewährung nach der Entlassung). Die längsschnittlichen Analysen dienten der Untersuchung der langfristigen Wirksamkeit der intramuralen Substitutionstherapie. Die vorliegende Dissertation befasst sich mit möglichen geschlechtsspezifischen Unterschieden zwischen weiblichen und männlichen opioidabhängigen Inhaftierten sowie mit der Wirksamkeit der Substitutionsbehandlung in Haft auf die Legalbewährung, gemessen an Re-Inhaftierungen und Angaben zur erneute Straffälligkeit nach der Entlassung. Einige positive Effekte der intramuralen Substitutionsbehandlung konnten sowohl auf metaanalytischer Ebene (auf den Opioidkonsum, den Konsum anderer Drogen, den Verbleib in der Behandlung nach der Entlassung und die Re-Inhaftierungen) als auch anhand der im Rahmen der HOpE-Studie selbst erhobenen Daten (mittelfristige Reduktion der Betäubungsmitteldelikte) gezeigt werden. Eine Wirkung der Substitutionstherapie in Haft auf andere Deliktbereiche (Beschaffungskriminalität oder Gewaltdelikte) sowie auf die Re- Inhaftierung konnte in der HOpE-Studie hingegen nicht belegt werden. Hinsichtlich etwaiger geschlechtsspezifischer Unterschiede zeigte sich, dass weibliche Opioidabhängige in Haft eine höhere psychische Vorbelastung aufweisen (häufigeres Erleben von Depressionen vor der Inhaftierung im Selbstbericht sowie ein höherer Anteil mit sexuellen Gewalterfahrungen im Vergleich zu den Männern). Darüber wurden kaum geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen opioidabhängigen Inhaftierten festgestellt, insbesondere hinsichtlich des Konsummusters. Insgesamt kann geschlussfolgert werden, dass die Substitutionstherapie zwar eine illegale Droge durch ein ärztlich verabreichtes Medikament ersetzt und damit ihren eigentlichen Zweck erfüllt (positive Auswirkung auf den illegalen Opioidkonsum, den Konsum illegaler anderer Drogen, mittelfristig auch auf das Verüben von Betäubungsmitteldelikten). Die intramurale Substitutionsbehandlung von Opioidabhängigen kann jedoch keinesfalls als Patentlösung für alle mit einer Opioidabhängigkeit verbundenen negativen Folgen angesehen werden (insbesondere allgemeine Straffälligkeit). Dies spricht dafür, die Substitutionstherapie in Haft nicht als Alternative, sondern in Kombination mit anderen Behandlungsansätzen, z. B. der psychosozialen Therapie, einzusetzen.

Abstract

Opioid addicted individuals are treated differently in prison. Some receive abstinence-oriented treatment, i.e., medically supervised withdrawal, while others receive medication-assisted substitution treatment. Research on this topic is scarce, especially in terms of empirical data from Europe and Germany. Data collected on opioid addicted individuals in the community are not easily transferable to the prison context. Increasing substitution rates in German prisons in recent years indicate a phase of change. The aim of the research project "Evaluation of the Treatment of Opioid Addicted Individuals during Imprisonment in Bavaria" (short title: "Opioid Dependence when Incarcerated - an Evaluation Study "; HOpE-Study) is to scientifically support this phase of change and to provide policy makers with evidence-based results on the effectiveness of prison-based substitution treatment. In order to assess the current state of research on incarceration-based opioid substitution treatment, a meta-analysis was conducted. For this purpose, N = 15 international studies were meta-analytically integrated. In addition, the HOpE-Study collected and analysed a range of data from different sources (predominantly interview data, prison records, information from hospital departments of participating prisons) on opioid-dependent inmates in the Bavarian prison system. Of interest were different outcome variables both cross-sectionally (e.g., behaviour in prison, analysis of subgroups) and longitudinally (effects of prison-based substitution treatment, e.g., on illicit drug use, retention in treatment and legal probation after release). The longitudinal analyses were designed to examine the long-term effectiveness of prison-based substitution treatment. This dissertation examines possible gender differences between female and male opioid-dependent prisoners and the effectiveness of prison-based substitution treatment in terms of re-incarceration and post-release delinquency. Some positive effects of prison-based substitution treatment could be demonstrated both at a meta-analytic level (on illicit opioid use, use of illicit other drugs, retention in treatment after release and re-incarceration) and on the basis of the data collected in the HOpE-Study itself (medium-term reduction in narcotic offences). However, the HOpE-Study was unable to demonstrate an effect of substitution treatment in prison on other types of offending (acquisitive or violent crime) or on re- incarceration. With regard to any gender-specific differences, female opioid addicted prisoners were found to have a higher psychological burden (more frequent experience of depression prior to imprisonment based on self-reports and a higher proportion of experiences of sexual violence than men). Furthermore, hardly any gender differences were found between female and male opioid-dependent prisoners, especially with regard to patterns of drug use. Overall, it can be concluded that prison-based substitution treatment replaces an illicit drug with a medically prescribed drug and thus fulfils its intended purpose (positive effect on illicit opioid use, use of other illicit drugs and, in the medium term, on narcotic offences). However, opioid substitution treatment cannot be regarded as a panacea for all the negative consequences associated with opioid dependence (in particular, general delinquency). This argues in favour of using substitution treatment in prisons not as an alternative, but in combination with other treatment approaches, such as psychosocial therapy.

DOI
URN
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