Effektivität und Sicherheit nach einem Switch vom Originator Infliximab auf das Biosimilar SB2 bei CED-Patienten: 24-Monatsdaten einer prospektiven Kohortenstudie

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Issue Date
2022-09-05
Issue Year
2022
Authors
Cohnen, Sarah
Editor
Abstract

Hintergrund und Ziele Bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) handelt es sich um idiopathische, chronisch rezidivierende Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, die pathologisch durch Darmentzündungen und Epithelschäden gekennzeichnet sind. Die CED, wovon in Deutschland ca. 360.000 Menschen betroffen sind, umfassen zwei primäre Entitäten, den Morbus Crohn sowie die Colitis ulcerosa. Auch wenn die Ätiologie der CED bislang noch nicht vollständig geklärt ist, wird vermutet, dass das Zusammenspiel von genetischen Faktoren, Bakterien und Umweltfaktoren eine wichtige Rolle dabei einnimmt und zur Überreaktion des mukosalen Immunsystems führt. Die Veränderung der epithelialen Barrierefunktion im Gastrointestinaltrakt resultiert in einer Störung des mukosalen Immunsystems. Die Therapie der CED richtet sich immer individuell nach dem Befallsmuster, der Aktivität und dem Krankheitsverlauf und hat zum Ziel, eine möglichst rasche Induktion und anschließende Erhaltung einer steroidfreien klinischen und endoskopischen Remission zu erreichen, sowie die Prävention von Therapie- und Erkrankungskomplikationen. Einen besonderen Stellenwert bei der Pathogenese und damit bei der Therapie der CED nimmt das Zytokin Tumornekrosefaktor (TNF) ein, welches über verschiedene Mechanismen eine Entzündung der Schleimhaut begünstigt. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte hat sich die Therapie der CED mit TNF� spezifischen Antikörpern, vor allem in schwereren Fällen, durch ihre hohe Effektivität bewährt. Eine zentrale Rolle bei der Behandlung der CED kommt heutzutage dem monoklonalen, chimären IgG1-TNF-α-Antikörper Infliximab zu. Die anti-inflammatorische Wirkung erzielt Infliximab, indem es mit hoher Spezifität lösliches und membrangebundenes TNF-α bindet und neutralisiert sowie die Apoptose und eine komplementvermittelte Lyse von immunologischen Effektorzellen induziert. Infliximab wird der Arzneimittelgruppe der sog. Biologika zugeordnet, da es aus oder mit Hilfe von biologischen Organismen gewonnen wird. Durch ihre hohen Kosten stellen Biologika jedoch eine finanzielle Belastung für die Gesundheitssysteme dar. Als günstigere und somit besser zugängliche Alternativen werden deshalb sog. Biosimilars entwickelt. Bei den Biosimilars handelt es sich um Arzneimittel, welche einem bereits bestehenden Biologikum, dem Referenzarzneimittel, sehr ähnliche physikalische, chemische und biologische Eigenschaften haben, weshalb keine Unterschiede in ihrer klinischen Leistungsfähigkeit zu erwarten sein dürfen. Ziel dieser Studie war es, festzustellen, ob das Infliximab-Biosimilar SB2 seinem Referenzprodukt bei der Therapie von CED-Patienten in den Bereichen Effektivität, Sicherheit und Immunogenität unterlegen ist. Methoden In unserer Studie, einer prospektiven, monozentrischen, longitudinalen, observativen Kohortenstudie, wurden 144 Infliximab-Patienten mit der Diagnose einer CED vom Originator Infliximab auf das Biosimilar SB2 geswitcht und über einen Beobachtungszeitraum von 24 Monaten überwacht. Teilergebnisse der vorliegenden Arbeit wurden veröffentlicht in Fischer S., Cohnen S. et al. (2021) Long-term effectiveness, safety and immunogenicity of the biosimilar SB2 in inflammatory bowel disease patients after switching from originator infliximab. Therapeutic Advances Gastroenterology. 2021 Jan 14; 14: 1-16. Primärer Endpunkt dieser Studie war die Auswertung der klinischen Krankheitsaktivität bzw. der Effektivität nach einem Switch vom Originator auf SB2 nach 24, 48, 72 und 96 Wochen. Zu den sekundären Endpunkten gehörten die Evaluation der Immunogenität, des CRP-Wertes, des pharmakokinetischen Profils sowie der Sicherheit. Die klinische Krankheitsaktivität wurde für MC-Patienten mit Hilfe des Harvey-Bradshaw-Indexes (HBI) und für CU-Patienten durch den partiellen Mayo-Score (pMS) bestimmt. Ergebnisse und Beobachtungen In Remission (HBI<5, pMS<2) befanden sich zu Beginn dieser Studie 64% (n=94) der MC� Patienten und 78% (n=50) der CU-Patienten. In Woche 96 waren es 76% (n=51) der MC� Patienten und 74% (n=27) der CU-Patienten. Diese Werte lassen Rückschlüsse darauf ziehen, dass der Switch von Infliximab auf SB2 nicht mit einer geringeren Effektivität einhergeht. Der mediane CRP-Spiegel aller CED-Patienten lag zur Baseline bei 2.2 mg/l (Interquartilsabstand 0.9-5.6, n=114) und sank unter der SB2-Therapie in Woche 96 auf 1.6 mg/l (0.9-4.5, n=38) ab. Der Switch vom Originator Infliximab auf das Biosimilar SB2 hatte demnach keinen negativen Einfluss auf den CRP-Spiegel der Probanden. Des Weiteren konnten wir feststellen, dass ein Switch nicht mit einer klinisch signifikanten Veränderung des Immunogenitätsprofiles einhergeht. Anti-Infliximab-Antikörper konnten zur Baseline bei 10% (n=112) nachgewiesen werden. Im weiteren Verlauf waren es 6% (n=88), 9% (n=80), 6% (n=68) und 10% (n=58) in den Wochen 24, 48, 72 und 96. Der Medianwert der Talspiegel veränderte sich im Vergleich zu den Ausgangswerten von 0.0 µg/ml (-2.8-1.5) um 0.0 µg/ml (-2.4-4.2), 0.0 µg/ml (-3.3-3.3) und 3.3 µg/ml (-1.8-8.7) in den Wochen 24, 48, 72 and 96. Auch unsere Ergebnisse zur Sicherheit des Biosimilars verdeutlichen, dass die Therapie mit einem Biosimilar im Vergleich zum Originator keine erhöhte Gefahr für die Patienten birgt. Unsere Werte zu SB2-bedingten unerwünschten Ereignissen liegen unter dem durchschnittlichen Aufkommen von unerwünschten Ereignissen bei der Therapie mit dem Referenzprodukt Infliximab. Schlussfolgerung Durch die Summe der Erkenntnisse aus unserer Studie kann ein Switch vom Originator Infliximab auf das Biosimilar SB2 auf Grund der hohen Kostenersparnis ein sinnvoller und sicherer Behandlungsweg sein. Schließlich ist noch anzumerken, dass die Datenlage zu randomisiert-kontrollierten-Studien mit multiplen Switches zwischen einem Originator und seinen Biosimilars bisher unzureichend ist, weshalb zukünftige Studien zu Mehrfachwechseln unter randomisierten Bedingungen sinnvoll wären.

DOI
Faculties & Collections
Zugehörige ORCIDs