Handlungs(un-)möglichkeiten unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge im Kontext diverser Räume

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Granting Institution
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Philosophische Fakultät und Fachbereich Theologie
Issue Date
2024
Authors
Hahn-Hobeck, Nora
Editor
Abstract

Die rasant ansteigende Zahl zu versorgender unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die in den Jahren 2015 und 2016 nach Deutschland kamen, führte in einzelnen Bundesländern zu einer Überlastung der institutionellen Akteur*innen der Kinder- und Jugendhilfe und phasenweise zu einer unzureichenden Versorgung der Minderjährigen aufgrund der zeitweise personell überstiegenen Kapazitäten. Um eine Entlastung und adäquate Versorgung gewährleisten zu können, wurde daher im Herbst 2015 eine Gesetzesnovellierung des Sozialgesetzbuches VIII verabschiedet, die nach einer Übergangsphase zum 01.01.2016 verbindlich wurde. Mittels dieser wird unter anderem eine bundesweite Verteilung ankommender unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge anhand einer errechneten Quote geregelt. In den Bundesländern und besonders in den Kommunen, in denen bis dahin nur wenige unbegleitete minderjährige Flüchtlinge versorgt wurden, mussten in kürzester Zeit entsprechende Strukturveränderungen entsprechend den Bedarfen der zu versorgenden Minderjährigen realisiert werden, beispielsweise in der Kinder- und Jugendhilfe oder dem Bildungssystem.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird untersucht, inwieweit unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach einer Umverteilung handlungsfähig sind oder werden und welche Einflussfaktoren dafür förderlich oder hemmend werden. Diesem Kerninteresse wird unter Berücksichtigung der Relevanz von Räumen für Handlungs(un-)möglichkeiten bei dem Streben der Minderjährigen nach Handlungsfähigkeit nachgegangen. Weiterhin wird betrachtet, wie die Minderjährigen durch ihre Handlungen in Rückgriff auf physisch-räumliche Gegebenheiten und im Kontext unterschiedlicher Strukturen oder Ressourcen diverser Akteurinnen in den jeweiligen territorialen Räumen der Bundesländer ihre Geographien machen. Dafür wird der Blick bewusst auf die spezifischen Perspektiven unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge gerichtet und dabei berücksichtigt, dass die Minderjährigen in Abhängigkeiten zu weiteren Akteurinnen zeitlich begrenzt Situationen aushandeln oder ihr Handeln wiederum durch Abhängigkeiten beeinflusst werden. Daher wurden zusätzlich relevante institutionelle Akteur*innen befragt.

Konkret wurden im Bundesland Thüringen qualitative Interviews mit nach ihrer Umverteilung ankommenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, den Betreuerinnen der jeweiligen Jugendhilfeeinrichtungen und den Jugendamtsmitarbeiterinnen der drei besuchten Kommunen geführt. Die Gleichzeitigkeit der Interviews zu dem bereits stattfindenden Strukturaufbau und zu der sofort zu gewährleistenden Versorgung und Unterbringung der zugeteilten Minderjährigen ließ die damit einhergehenden Herausforderungen unmittelbar sichtbar werden und es konnten wichtige Erkenntnisse zur Forschung mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen festgehalten werden. Zum Zeitpunkt der Feldforschung (Frühjahr 2016) hielten sich die Minderjährigen erst kurze Zeit in den Kommunen auf. Insgesamt konnten 6 weibliche und 19 männliche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge für ein Interviewgespräch gewonnen werden. In den Gesprächen wurde die Methode der narrativen Landkarten eingesetzt, um der Relevanz der Räume aus der Perspektive der Minderjährigen nachgehen zu können. Die sich daran anschließende Transkription aller Interviews lieferte verschriftlichte Datensätze, die als Grundlage für die Auswertung komplementär mit denen der institutionellen Akteur*innen herangezogen wurden.

Für den analytische Teil dieser Arbeit wird sich eines theoretisch-analytischen Rahmens bedient, welcher sich aus der handlungszentrierten Sozialgeographie und dem Konzept der Intersektionalität als Analyseinstrument zusammensetzt. Diese Verknüpfung hat sich insofern als bereichernd erwiesen, als dass damit die Handlungs(un-)möglichkeiten der Minderjährigen im Kontext von Einflussfaktoren und Strukturen sowie bei den Handlungen bedeutende Differenzkategorien wie das Alter oder Geschlecht analysiert werden können.

Im Prozess der Auswertung wird ersichtlich, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterschiedliche Ressourcen und Kompetenzen besitzen, wenn sie in Deutschland ankommen und dass sie grundsätzlich als handelnde Akteurinnen betrachtet werden können. So unterschiedlich die persönlichen Bedingungen sind, die sich unter anderem in Differenzkategorien zu weiteren (geflüchteten) Akteurinnen widerspiegeln, so verschieden sind die Handlungen bedingenden Einflussfaktoren, auf welche sie in Deutschland treffen und mit denen sie sich (un-)bewusst in ihrem alltäglichen Handeln auseinandersetzen müssen.

In den Interviews lässt sich ein breites Spektrum an Handlungen der Minderjährigen erkennen, welches aufgrund wiederkehrender Skizzierungen in Handlungsweisen abstrahiert zusammengefasst wird. Zum einen lässt sich ein gewisser Grad an (resignativer) Akzeptanz der Minderjährigen gegenüber strukturell bedingten Abhängigkeitsverhältnissen oder Einflussnahmen diverser Akteur*innen und Familienangehöriger ausmachen, die in unterschiedlichen Phasen (vor und nach einer Umverteilung) verschieden ausgeprägt sein können. Dies kann, muss aber nicht, in Widerstand oder in einem lösungsorientierten Handeln münden. Der Interpretationsschritt der Forschenden, welcher der Herausarbeitung von Handlungsweisen zugrunde liegt, soll die Vielfältigkeit der einzelnen Handlungen und deren jeweiligen Ausprägungen nicht schmälern, sondern zu den Ergebnissen dieser Arbeit hinführen.

Darauf aufbauend und aufgrund der Bezugnahme zu bestimmten Räumen in den Interviews werden Spezifika des Geographie-Machens unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge herausgearbeitet. Es lässt sich erkennen, dass das Geographie-Machen von Prozesshaftigkeit, Übertragbarkeit und Gleichzeitigkeit sowie von dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit geprägt ist und Geographien im Kontext von vielfältigen Abhängigkeiten und komplexen Verwobenheiten gemacht werden.

Als Konsequenz können aus den erhobenen Daten und dem abgesteckten Fokus in dieser Arbeit relevante Faktoren abgeleitet werden, deren Beachtung für die Versorgung zukünftiger unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge hilfreich sein könnte. Dazu zählen zum einen die Beachtung der Tragweite von Differenzkategorien, die in Versorgungsprozessen und für (Aus-)Handlungen mit weiteren Akteur*innen bedeutend werden, und zum anderen der Relevanz von unterschiedlichen abstrakten Räumen, die einerseits als Medium zum Handeln dienen und andererseits als Ergebnis von Handlungen (re-)konstruiert werden. Ebenfalls kann die Berücksichtigung der Erfahrungswerte, Netzwerkstrukturen und des zeitlichen Faktors weiterführend sein. Diese Faktoren können sich einzeln, aber auch durch ihre Verflechtung elementar auf Handlungs(un-)möglichkeiten von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen auswirken.

DOI
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