Identifizierung geriatrischer Patienten mit Frührehabilitationsbedarf in der Notaufnahme - eine deskriptive Studie

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Granting Institution
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Medizinische Fakultät
Issue Date
2024
Authors
Hahn, Simone
Editor
Abstract

Hintergrund und Ziele Die derzeitige demografische Entwicklung in Deutschland führt zu einem stetig wachsenden Anteil älterer Menschen in unserer Bevölkerung. Dieser Trend bedingt auch eine Zunahme älterer, oft multimorbider Patienten in der stationären Krankenhausversorgung. Im Fokus einer ganzheitlich ausgerichteten Versorgung steht dabei der Erhalt bzw. die Verbesserung der funktionellen Fähigkeiten. Im akutgeriatrischen Setting ist deshalb die Integration frührehabilitativer Komponenten in den Behandlungsplan etabliert. Um das Behandlungskonzept der geriatrischen Frührehabilitation mit größtem Nutzen zum Einsatz bringen zu können, ist die Identifizierung der Zielgruppe innerhalb der älteren Patientenpopulation unerlässlich. Mit dem Vorhaben, diese Zielgruppe frühzeitig und zuverlässig einzugrenzen, erprobt und diskutiert diese Arbeit ein Zwei-Komponenten-Screening zur Anwendung in der Notaufnahme.

Methoden Der erste Teil des Screenings besteht aus einem zweiteiligen Fragebogen (Vor- und Haupt-Screening), der in Anlehnung an die Items des Identification of Seniors at Risk (ISAR) Screenings entwickelt und um den Aspekt der geriatrietypischen Multimorbidität erweitert wurde. Liegt ein positives Ergebnis im Haupt-Screening vor, erreicht den diensthabenden Geriater eine automatisch generierte Textnachricht. Dies eröffnet die Möglichkeit, noch in der Notaufnahme aktiv eine geriatrische Einschätzung hinsichtlich Notwendigkeit und Eignung für eine geriatrische frührehabilitative Behandlung abzugeben. Zudem kann direkt eine entsprechende fachspezifische Verlegung gebahnt werden. Es wurden retrospektiv 646 Datensätze mit positivem Vor-Screening über den Zeitraum von einem Monat untersucht.

Ergebnisse Bei circa der Hälfte der Patienten mit positivem Vor-Screening war auch das geriatrische Haupt-Screening positiv und löste damit die Versendung einer Textnachricht aus. Von den 366 Patienten, die dem Geriater elektronisch gemeldet wurden, erhielten circa ein Viertel eine geriatrische Beurteilung noch in der Notaufnahme. Eine geriatrische Begutachtung war an Werktagen und zu den üblichen Arbeitszeiten verfügbar. Circa drei Viertel der begutachteten Patienten wurden für eine geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung als nicht geeignet eingestuft. Bei 24 Patienten wurde eine Eignung festgestellt; aus dieser Gruppe erfolgte bei drei Patienten tatsächlich eine geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung.

Diskussion und Schlussfolgerung Das Zwei-Komponenten-Screening konnte leicht in die bestehenden Abläufe der Notaufnahme integriert werden. Patienten mit positivem Haupt-Screening waren älter und wiesen häufiger geriatrische Vulnerabilitätsmerkmale auf als negativ gescreente Patienten. Auch die Behandlungsdiagnosen in der Gruppe der Patienten mit positivem Haupt-Screening deuteten auf ein geriatrisches Patientenklientel mit Frührehabilitationsbedarf hin. Dennoch wurden überraschend drei Viertel der fachärztlich geriatrisch begutachteten Patienten als nicht geeignet eingestuft. Hierfür bieten sich mehrere Erklärungsansätze an: Der Aufenthalt in der Notaufnahme ist auf einen möglichst kurzen Zeitraum ausgelegt. Die Überlegungen hinsichtlich einer geriatrischen Frührehabilitation sind multidimensional: Akutmedizinischer Handlungsbedarf, funktioneller und kognitiver Status sowie die Bereitschaft zur Mitarbeit von Seiten des Patienten sind dabei die im Vordergrund stehenden Kriterien. Geriatrische Expertise on demand erweist sich vor diesem Hintergrund als nicht ausreichend. Mit einer kontinuierlichen geriatrischen Verfügbarkeit in der Notaufnahme könnte dies sicherlich günstig beeinflusst werden. Dennoch kann das Wissen um die Neuaufnahme eines geriatrischen Patienten in die stationäre Krankenhausversorgung im Einzelfall die direkte Bahnung in Richtung einer geriatrischen frührehabilitativen Komplextherapie erleichtern.

DOI
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