Adhärenz und psychische Gesundheit nach Nierentransplantation

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Issue Date
2022-02-21
Issue Year
2022
Authors
Lieb, Marietta
Editor
Abstract

Hintergrund:

Non-Adhärenz bezüglich immunsuppressiver Medikation nach Nierentransplantation hat sich als bedeutsamer Risikofaktor für Abstoßungsreaktionen und Organverlust erwiesen. Trotz einer enormen Verbesserung der Lebensqualität und einer geringeren Morbidität und Mortalität nach einer Transplantation, weist ein erheblicher Teil nierentransplantierter Patienten non-adhärentes Verhalten auf. Die Prävalenzraten schwanken hierbei jedoch enorm, was auf unterschiedliche Definitionen und Messmethoden zurückgeführt werden kann. Für eine exakte Erfassung spielen jedoch präzise Messverfahren eine unverzichtbare Rolle. Aufgrund der drastischen Konsequenzen von Non-Adhärenz, welche sowohl gesundheitlicher als auch ökonomischer Natur sein können, tritt auch die Untersuchung der Ätiologie immunsuppressiver Non-Adhärenz immer weiter in den Vordergrund. Ein umfassendes Verständnis potentieller Determinanten von Non-Adhärenz bietet die Grundlage zur Identifizierung möglicher Risikogruppen sowie für die Entwicklung zielgerichteter individuell angepasster Interventionen. Ziel der Studie im Rahmen der vorgelegten Dissertation war zum einen die Analyse des Zusammenhangs diverser Messmethoden für Non-Adhärenz, zum anderen die Untersuchung möglicher mit dem Adhärenzverhalten in Verbindung stehender Faktoren.

Methoden:

Die Studie wurde als monozentrische prospektive Beobachtungsstudie konzipiert. Zu Beginn der Studie wurde die Non-Adhärenz mit Hilfe von Fremd- und Selbstbeurteilungen sowie durch die Variabilität der immunsuppressiven Blutspiegelwerte erfasst. Zudem wurde allen teilnehmenden Patienten eine Fragebogenbatterie ausgehändigt, mit welcher soziodemographische, biomedizinische sowie psychosoziale Variablen wie Depressivität, gesundheitsbezogene Lebensqualität, Selbstwirksamkeit, Soziale Unterstützung, Bindung, Einstellungen zur Medikation, emotionale Verarbeitung der Transplantation, Zufriedenheit mit Informiertheit über die Immunsuppression sowie Wahrnehmung und Überzeugungen über Medikamente erhoben wurden. Im Anschluss wurde den Patienten eine elektronische Pillenbox ausgehändigt, welche über einen dreimonatigen Zeitraum das Adhärenzverhalten bezüglich der immunsuppressiven Medikation aufzeichnen sollte. Es wurden neben der tatsächlichen Einnahme der Immunsuppression auch Zeitintervalle von ±2 Stunden und ±30 Minuten als Einnahmerahmen untersucht. Während des Erhebungszeitraums erhielten die Teilnehmer insgesamt sechs Anrufe im Zweiwochenrhythmus, wobei bei jedem Telefonat eine Selbsteinschätzung der aktuellen Adhärenz ersucht wurde.

Ergebnisse:

Insgesamt nahmen 78 Nierentransplantierte an der Studie teil. Die drei Messmethoden zu Beginn der Studie ergaben Non-Adhärenzraten von 6.4% (Fremdbeurteilung), 28.6% (Selbstbeurteilung) und 15.4% (Blutspiegelvariabilität), wobei kein Zusammenhang zwischen diesen Verfahren festgestellt werden konnte. Während des Studienverlaufs zeigte sich eine kontinuierlich hohe elektronisch gemessene Adhärenz mit Mittelwerten von 99.39% für die tatsächliche Einnahme, 98.39% für das zweistündige Einnahmeintervall sowie 93.34% für die konservativste Adhärenzmessung mit ±30Minuten als Toleranzfenster. Insgesamt zeigte sich eine moderate bis gute Übereinstimmung der elektronischen Messung und der Selbstbeurteilung während des dreimonatigen Studienverlaufs. Die Selbstbeurteilung zu Beginn der Studie konnte zudem die darauffolgende elektronische Adhärenzmessung signifikant vorhersagen. Insgesamt wurde eine Abnahme des Adhärenzverhaltens von Beginn bis zum Ende der dreimonatigen Erhebung festgestellt. Bis auf die Art der immunsuppressiven Medikation konnten keine Faktoren identifiziert werden, welche einen Einfluss auf die elektronisch gemessene Adhärenz aufwiesen. Es zeigte sich, dass Patienten, welche das Immunsuppressivum Advagraf© mit einer einmaligen täglichen Dosis einnahmen, eine bessere Adhärenz aufwiesen als jene mit Prograf©, welches eine zweimalige tägliche Einnahme verlangt. Auf die Pünktlichkeit der Einnahme hatte dies jedoch keinen Einfluss.

Diskussion:

Die gute Übereinstimmung der Selbstbeurteilung mit der elektronischen Messung lässt auf eine gleichwertige Messung beider Messmethoden schließen. Die Selbstbeurteilung scheint somit eine gute und ökonomische Möglichkeit darzustellen die Non-Adhärenz besonders im Klinikalltag präzise zu erfassen. Die erhöhte Adhärenz zu Beginn sowie deren anschließende stetige Abnahme während des Studienverlaufs deuten auf einen möglichen kurzfristigen Interventionseffekt hin, welcher in weiteren Studien untersucht werden könnte. Des Weiteren scheint es in sehr adhärenten Populationen wenige Faktoren zu geben, welche zur weiteren Steigerung der Adhärenz beitragen könnten. Allerdings stellt der Wechsel einer zweimaligen Medikamenteneinnahme auf eine einmalige Dosis pro Tag eine potentielle Option zur Adhärenzverbesserung dar. Einfluss- und Risikofaktoren könnten jedoch bei weniger adhärenten Population abweichen und müssten in weiteren Forschungsarbeiten berücksichtigt werden.

DOI
Faculties & Collections
Zugehörige ORCIDs