Ist die Betreuung von Frauen mit einem familiären Mammakarzinomrisiko finanzierbar? Gesundheitsökonomische Betrachtung der genetischen Testung, intensivierten Früherkennung und präventiver Maßnahmen aus der Sicht des Gesundheitswesens und des Leistungserbringers

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Issue Date
2015-09-04
Issue Year
2015
Authors
Brunel-Geuder, Lisa
Editor
Abstract

Objective: 10-15% of all breast cancer cases and 10% of all ovarian carcinomas have an hereditary predisposition. It is essential to identify high-risk families to calculate the individual risk and to initiate a genetic test. Psychooncologic support, inten-sified early cancer detection and prophylactic surgery are further important op-tions. The question is whether these procedures are cost-effective and refunda-ble in the actual health care system. Methods: In the context of this health economic evaluation the entire process from initial consultation up to the intensified early cancer detection and prophylactic sur-gery is considered. The analysis is based on the interdisciplinary consultation of patients suffering from a high-risk for breast and ovarian cancer at the Universi-ty Breast Center of Franconia (370 consultations, 44 patients with BRCA1 muta-tion and 26 with BRCA2 mutation). Results: The long-term health care system resources can be reduced regarding genetic testing, early cancer detection and prophylactic surgery. The health care system could save 136.295,22 € if prophylactic mastectomy is performed in only 50% of the 70 mutation carriers (prophylactic salpingoovari-ectomy 791.652,73 €). However, some parts of the care are significantly under-funded for the health care provider, e.g. intensified screening with a loss of -466.08 € per patient and year. Prophylactic mastectomy with primary recon-struction by allografts (J24A) causes a deficit of -3,504.09 €. Primary recon-struction by DIEP after the mastectomy leads to a deficit of -851.65 €. The syn-chronous prophylactic salpingoovariectomy increases costs and loss. Considering the gain of additional life years the care for high risk patients is cost-effective for the health care system no matter which procedure is per-formed. In case of a combined salpingoovariectomy and prophylactic mastec-tomy without reconstruction one further life-year costs 2,183.01 €. Adnexectomy with prophylactic mastectomy at the age of 40 costs of 83.29 € per gained life year regarding the perspective of the health care provider. If an adnexectomy and prophylactic mastectomy is performed together with primary reconstruction by allografts one gained life year mounts up to -949.35 € - cost-effective for the society but in deficit for the health care provider. Conclusion: The care for high-risk families is cost-effective from the perspective of the health care system. In the long-term monetary resources can be saved by genetic test-ing, intensified early cancer detection and prophylactic surgery. However, this does not apply to the service provider, because several preventive and prophy-lactic options lead to an important financial deficit. In particular specialized care centers need additional charges if they care for numerous high-risk families.

Abstract

Hintergrund und Ziele: 10-15% aller Mammakarzinome und 25-40% der Karzinome unter dem 35. Le-bensjahr haben eine genetische Genese. Es ist deshalb essentiell, Hochrisiko-familien zu identifizieren, das individuelle Risiko zu klassifizieren und eine Ge-nanalyse einzuleiten. Zudem sind Angebote zur psychoonkologischen Betreu-ung, intensivierten Früherkennung und prophylaktischen Operationen notwen-dig. Es stellt sich die Frage, ob dieses Betreuungskonzept im aktuell ange-spannten Gesundheitswesen finanzierbar ist und langfristig monetäre Ressour-cen einsparen kann. Materialien und Methoden: Im Rahmen der gesundheitsökonomischen Evaluation wurde der gesamte Pro-zess von Erstberatung bis zur intensivierten Früherkennung und prophylakti-schen Operation betrachtet. Dabei diente das Tumorrisikosprechstundenkollek-tiv des Universitäts-Brustzentrums Franken als Grundlage. Es wurden die Per-sonalkosten anhand Realzeiten und die diagnostischen bzw. operativen Kosten anhand Kostenträgerrechnungen berechnet und den Erlösen gegenüber ge-stellt. Dabei wurde für ambulante Leistungen der EBM und für stationäre Leis-tungen DRG´s verwendet. Als Perspektive wurde sowohl die des Kostenträgers als auch des Leistungserbringers gewählt. Ergebnisse: Mittels genetischer Testung, intensivierter Früherkennung und prophylaktischer Operation lassen sich Folgekosten für das Gesundheitssystem durch vermie-dene Karzinome reduzieren. Im genannten Kollektiv mit 370 beratenen Patien-tinnen lagen 44 BRCA1- und 26 BRCA2-Mutationsträger vor. Wird bei nur 50% dieser Mutationsträgerinnen eine prophylaktische Mastektomie vorgenommen, so spart sich das Gesundheitssystem im Vergleich zu keiner durchgeführten prophylaktischen Maßnahme 136.295,22 €. Ausgegangen von einer Sal-pingoovariektomie sind es 791.652,73 €. Für den Leistungserbringer sind je-doch Teilbereiche deutlich unterfinanziert. Beispiele sind die intensivierte Früh-erkennung mit einem Verlust von -466,08 € pro Patientin und Jahr, sowie die prophylaktische Operation. So zeigt sich bei einer prophylaktischen Ablatio mit primärem Aufbau durch Allotransplantate (J24A) ein Defizit von -3.504,09 €. Eine Ablatio mit primären Aufbau durch einen DIEP (J01Z) führt zu einem Ver-lust von -851,65€. Wird einzeitig die prophylaktische Adnexektomie durchge-führt, bleibt der Erlös identisch, das Defizit wird entsprechend höher. Mit Berücksichtigung der zusätzlich gewonnenen Lebensjahre ist die Betreuung aus der Kostenträgerperspektive unabhängig vom durchgeführten Eingriff kos-teneffektiv. Aus Perspektive des Leistungserbringers ist es deutlich davon ab-hängig, welcher operative Eingriff durchgeführt wird. So lässt sich eine mit Ad-nexektomie kombinierte prophylaktische Mastektomie im Alter von 40 Jahren, welches dem Durchschnittsalter des Kollektivs entspricht, mit +83,29 € pro ge-wonnenem Lebensjahr kosteneffektiv durchführen. Wird eine Adnexektomie und prophylaktische Ablatio mit primärem Aufbau durch Allotransplantate vor-genommen, so kostet dem Leistungserbringer ein gewonnenes Lebensjahr -949,35 €. Dies ist für das Gesundheitswesen natürlich der Idealfall einer gesundheitsöko-nomischen Maßnahme. Mit zunehmendem Alter steigen bei sinkender Effektivi-tät der operativen Eingriffe sowohl für Gesundheitswesen und Leistungserbrin-ger die Kosten pro gewonnenes Lebensjahr. Schlussfolgerung: Die Betreuung von Hochrisikofamilien ist aus Sicht des Gesundheitswesens kosteneffektiv. Langfristig lassen sich durch genetische Testung, intensivierte Früherkennung und prophylaktische Maßnahmen deutlich monetäre Ressour-cen einsparen. Dies gilt jedoch nicht für den Leistungserbringer, da viele Teilbe-reiche der enorm wichtigen Betreuung zu einem finanziellen Defizit führen. Ins-besondere die spezialisierten Zentren mit Betreuung zahlreicher Familien benö-tigen Zuschläge, um das Angebot langfristig aufrechterhalten zu können.

DOI
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