Das Phänomen der Harninkontinenz in einer Population geriatrischer Rehabilitationspatienten unter Berücksichtigung der Begleitmorbiditäten, der Funktionsdefizite und des Verlaufs.

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Issue Date
2017-01-30
Issue Year
2015
Authors
Jurga-Freytag, Malgorzata
Editor
Abstract

1.1 Hintergrund und Ziele Die vorliegende Studie wurde durchgeführt, um die Häufigkeit von Harninkontinenz in einer Population geriatrischer Rehabilitationspatienten unter Berücksichtigung der rehabilitationsbegründenden Hauptdiagnose, des Geriatrischen Basisassessments und dem Einfluss einer Rehabilitation zu untersuchen. Anhand der GiB-DAT-Datenbanksätze über einen Zeitraum von 12 Monaten erfolgte eine retrospektive Datenanalyse betreffend der Items aus dem Barthel-Index-Assessmentbogen. Dabei sollte die Frage erörtert werden, ob das Item Urinkontrolle im Rahmen einer geriatrischen Rehabilitationsbehandlung einer Veränderung unterliegt und in welchem Ausmaß weitere Items der Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) sowie verordnete Medikamente und die Begleitmorbiditäten mit dem Item Urinkontrolle in Zusammenhang stehen und diese gegebenfalls beeinflussen. 1.2 Material und Methode Es wurden 34 776 Datensätze von 56 geriatrischen Rehabilitationseinrichtungen in Bayern ausgewertet, die von August 2009 bis Juli 2010 in der zentralen Geriatrie in Bayern- Datenbank (GIB-DAT©) eingegangen sind. Das Item Harnkontrolle des Barthel-Index bei Aufnahme und bei Entlassung wurde als kategorischer Parameter mit der rehabilitationsbegründetenden Hauptdiagnose und den Assessmentparametern zum kognitiven Status und Mobilitätsstatus in Kreuztabellen erfasst. Aus den Daten wurden die relativen Häufigkeiten für den Zusammenhang der Urinkontrolle und Einzelfunktionsstörungen betrachtet und schließlich der Pearsonsche Kontingenzkoeffizient K*(16) berechnet. Berücksichtigt wurden Patienten ab dem 65. Lebensjahr. Damit wurden die deutlich jüngeren Patienten ausgenommen, die aufgrund multipler Krankheiten bzw. Behinderungen in den Geriatrischen Rehabilitationseinrichtungen Aufnahme gefunden haben, aber für die Fragestellung nicht repräsentativ sind. Anhand der registrierten Medikamentengruppen aus dem Entlassungsbrief wurde auch die Beziehung zum Item Kontinenz durch verordnete Medikamenten betrachtet. 1.3 Ergebnisse Da dem Patienten durchschnittlich bei der Aufnahme und bei der Entlassung 8 Haupt- oder Nebendiagnosen zugeschrieben sind, handelt sich in der untersuchten Gruppe um multimorbide Patienten. Betrachtet man die Anzahl von Diagnosen über Item 10 Urinkontrolle, ist festzustellen, dass ständig kontinente Patienten (BI10-10) weniger zusätzliche Diagnosen aufweisen als gelegentlich oder ständig harninkontinente Patienten. Die meisten (n=24 115) Patienten (69,3%) und davon 37,5% (n=8 846) inkontinente Patienten sind nach dem Abschluss der Rehabilitationsbehandlung wieder zurück in ihre privaten Wohnungen gegangen. Ungeachtet des Familienstandes der Patienten, die nach der Rehabilitation in die privaten Wohnungen entlassen sind, sind die meisten (62,5%) kontinent. Die Gruppe hat jedoch mehr als vorher (85,8% versus 68%) Hilfe im Alltag gebraucht. Die Analyse des Zusammenhangs des Items 10 mit den Hauptdiagosen und der Mobilität weist darauf hin, dass die Harninkontinenz im Wesentlichen durch die Grade der Beweglichkeit, jedoch fast unabhängig von den Hauptdiagnosegruppen bestimmt wird. Der Kontingenz2 koeffizient zeigt einen stärkeren Zusammenhang zwischen Urinkontinenz und Mobilität (K*=0,476), als zu den übrigen Hauptdiagnosegruppen. Nur Demenz-(K*=0,309) und Nervensystemerkrankungen (K*=0,213) beweisen einen noch stärkeren Zusammenhang zwischen Urinkontinenz und Mobilität, jedoch einen deutlich schwächeren als zwischen Urinkontinenz und Mobilität. Aus der Analyse des Zusammenhanges der Item 10 mit den Hauptdiagosen und der Kognition lässt sich ebenso ableiten, dass die Harninkontinenz im Wesentlichen durch das Ausmaß der kognitiven Fähigkeiten, fast unabhängig von den Hauptdiagnosegruppen, bestimmt wird. Auch hier zeigten die berechneten Kontingenzkoeffizienten, dass es einen stärkeren Zusammenhang zwischen Urinkontinenz und Kognition (K*=0,389) gibt, als zu den übrigen Hauptdiagnosegruppen. Nur Demenz (K*=0,297) und Nervensystemerkrankungen (K*=0,171) zeigen noch einen stärkeren Zusammenhang zwischen Urinkontinenz und Kognition, jedoch schwächeren als zwischen den Urinkontinenz und Kognition. Mit der Ausnahme von Östrogenen konnte kein Einfluss von den untersuchten Medikamentengruppen auf die Urinkontrolle festgestellt werden. Insgesamt ist eine Verbesserung der Harninkontinenzproblematik durch einen Rehabilitations- Aufenthalt zu verzeichnen. Bei der Aufnahme betrug die UI 64,2%, hingegen 43,8% bei der Entlassung in der gesamten untersuchten Gruppe. Trotz der Multimorbidität der Patienten beobachtet man mit Abschluss der Rehabilitation eine Besserung der Harninkontinenzproblematik in der Gruppe mit gelegentlicher (um 39,4%, n=6 147) und ebenso mit ständiger (um 49,8%, n=2 932) Inkontinenz. Die in der Auswertung untersuchte Patientengruppe ist in der Alters- und Geschlechterverteilung und Verweildauer ähnlich denen der anderen deutschen Rehabilitationskliniken (14,15). Somit ist die Gruppe repräsentativ für die geriatrischen Rehabilitationskliniken. 1.4 Praktische Schlussfolgerungen Aus der Studie lässt sich ableiten, dass Mobilität und Kognition positiv mit dem Phänomen Harnkontinenz zusammenhängen. Je gehfähiger und kognitiv unauffälliger die Patienten sind, desto seltener leiden sie unter Problemen der Urinkontrolle. Harninkontinenz wird vor allem durch den Grad der Beweglichkeit und der kognitiven Fähigkeiten, fast unabhängig von den Hauptdiagnosegruppen, bestimmt. Nach den Rehabilitationsmaßnahmen besserte sich die Urininkontinenzproblematik in allen Gruppen, aber die besten Ergebnisse waren bei der Patientengruppe mit erhaltener autonomer Gehfähigkeit und ohne kognitive Defizite zu verzeichnen. Ziel ist es also, die geriatrischen Patienten möglichst mobil und kognitiv kompetent zu halten, denn die Gruppe hat die besten Voraussetzungen ständig kontinent zu bleiben. Um das Ziel sicherer und schneller zu erreichen, wäre wichtig weiter zu untersuchen, welche der angewendeten Behandlungen und Therapien haben den größte Einfluss auf die Mobilität und Kognition und somit auf den Erhalt oder die Verbesserung (Wiedererhalt) der Urinkontrolle. Somit wäre es wünschenswert, die Rehabilitationsmaßnahmen und medikamentöse Behandlungen detaillierter in den Untersuchungsbögen zu erfassen und in die Datenbank aufzunehmen.

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