Der Capability-Ansatz: Von der Ungleichheitsforschung zur Anwendung in der Bewegungsförderung

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Issue Date
2023-01-16
Issue Year
2023
Authors
Till, Maike
Editor
Abstract

The German population's physical activity behavior shows a clear need for measures to promote physical activity across the lifespan. Already gained insights into the relationship between the physical activity behavior and inequalities of the population show that there is a need for projects for prevention and physical activity promotion, which address health inequality and thus strengthen the health of vulnerable groups. In this dissertation, it was investigated how physical activity promotion, can be successful on a holistic level, that is, individually and also structurally. In the context of three scientific studies, the use of the capability approach, originally developed from Amartya Sen (1993) in the field of health economics, was examined in terms of its suitability as a holistic theoretical approach in physical activity promotion across different projects across the lifespan. In Article I, a systematic literature review is conducted to present the current state of research on the methods for measuring capabilities for health or physical activity behavior. The review examined whether there already exist measurement tools that can be applied within projects to enable comparisons across settings. Identified measurement instruments were examined in terms of their development as well as their validity and reliability. Article II examines the use of the capability approach in the context of participatory projects of the Capital4Health consortium using a participatory approach. The consortium aims to develop capabilities for an active lifestyle in various settings throughout the entire lifespan. To achieve this, the so-called capability cycle based on an existing capability model for health promotion was developed. Using this model, the four empirical projects of the Capital4Health consortium were examined in terms of project implementation, resulting transformation factors as project outcomes, and project-specific evaluation results could be conducted. The findings show that despite a common theoretical framework, the empirical projects have interpreted and implemented the capability approach differently. This is partly due to the different disciplines of sports science and the existing discipline-specific theoretical frameworks that were incorporated into the project work. The insights gained from the comparison were used to develop recommendations for the use of the capability approach in health and physical activity promotion, which can be used by future projects that want to apply the capability approach as a theoretical framework. By using the empirically developed guidelines, new projects can benefit from previous insights and it further enables comparability of projects. To verify the use of the Capability Cycle as an evaluation framework outside of the Capital4Health consortium, article III retrospectively examines the Movement as Investment in Health (BIG) project through a systematic literature analysis. The project was established in 2005 with the goal of empowering women in difficult life situations (term was chosen by the women themselves) to advocate for their own health and thus increase physical activity related health equality within the community settings. Therefore, all previously published Articles of the BIG-project(n=37) were analyzed regarding the mentioned results which were embedded according to their level, i.e. multipliers or target group, and the individual elements of the Capability Cycle. It was found that the use of the Capability Cycle allows for a holistic analysis of the results achieved both on the behavioral and on the structural level. In summary, the findings presented in this thesis provide deep insights into the use of the capability approach, particularly in physical activity-related health promotion. The results show that the capability approach provides a basic foundation for application in health and physical activity promotion, which includes various perspectives (empowerment and inequality research, as well as the behavior itself). In the future, the approach should therefore be used in interventions to specifically adapt them to targeted populations and to take into account influencing individual and structural factors, multipliers and their options for action.

Abstract

Das Bewegungsverhalten der Bevölkerung in Deutschland zeigt einen deutlichen Bedarf an Maßnahmen zur Bewegungsförderung über die gesamte Lebensspanne. Bereits gewonnene Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen dem Bewegungsverhalten und der Ungleichheit in der Bevölkerung zeigen, dass es einen Bedarf an Projekten zur Prävention und Gesundheitsförderung durch Bewegung gibt, welche die gesundheitliche Ungleichheit adressieren und somit die Gesundheit von vulnerablen Gruppen stärken. Im Rahmen dieser Dissertation wurde untersucht, wie Bewegungsförderung auf ganzheitlicher Ebene, also individuumsbezogen und auch strukturell gelingen kann. Im Rahmen von drei wissenschaftlichen Untersuchungen wurde diesbezüglich die Verwendung des Capability-Ansatzes, ursprünglich aus der Gesundheitsökonomie nach Amartya Sen (1993) stammend, hinsichtlich seiner Tauglichkeit als ganzheitlicher theoretischer Ansatz in der Bewegungsförderung bei verschiedenen Projekten über die Lebensspanne untersucht. In einer systematischen Literaturübersicht stellt Artikel I den aktuellen Forschungsstand zu Messmethoden von Capabilities bezüglich Gesundheits- bzw. Bewegungsverhalten dar. Hierbei wurde untersucht, ob bereits Messinstrumente bestehen, welche im Rahmen von Projekten angewandt werden können, um einen Vergleich über Settings hinweg anstellen zu können. Identifizierte Messinstrumente wurden hinsichtlich ihrer Entwicklung sowie deren Validität und Reliabilität begutachtet. Artikel II untersucht im Rahmen eines partizipativen Ansatzes die Verwendung des Capability-Ansatzes im Rahmen von partizipativen Projekten des Capital4Health Verbunds. Der Verbund zielt auf die Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten für einen aktiven Lebensstil in verschiedenen Settings über die gesamte Lebensspanne. Hierfür wurde der sogenannte Capability-Cycle basierend auf einem bereits bestehenden Capability-Modell der Gesundheitsförderung entwickelt. Unter Anwendung des Modells wurden 4 Projekte hinsichtlich der Umsetzung des Capability-Ansatzes untersucht. Durch die Verwendung des Capability-Cycle konnte ein Vergleich der empirischen Projekte hinsichtlich der Projektumsetzung, entstandener Umwandlungsfaktoren als Projekt Outcome sowie projektspezifischer Evaluationsergebnisse durchgeführt werden. Die Erkenntnisse zeigen, dass trotz eines gemeinsamen theoretischen Rahmenkonzeptes die empirischen Projekte den Capability-Ansatz unterschiedlich interpretiert und umgesetzt haben. Dies ist teilweise abhängig von den unterschiedlichen sportwissenschaftlichen Disziplinen sowie den disziplinspezifischen bestehenden theoretischen Rahmenkonzepten, welche in die Projektarbeit einfließen. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse des Vergleichs wurden anschließend genutzt, um Empfehlungen für die Verwendung des Capability-Ansatzes in der Gesundheits- und Bewegungsförderung zu entwickeln, welche zukünftigen Projekten zur Verfügung stehen, die den Capability-Ansatz als theoretisches Rahmenkonzept verwenden möchten. Durch die empirisch entwickelten Richtlinien können neue Projekte von den bisherigen Erkenntnissen profitieren und es kann gleichzeitig eine Vergleichbarkeit von Projekten ermöglicht werden. Um die Verwendung des Capability-Cycle als Evaluationsrahmen auch außerhalb des Capital4Health Verbunds zu überprüfen, wurde in Artikel 3 das Projekt „Bewegung als Investition in Gesundheit (BIG) retrospektiv in einer systematischen Literaturanalyse untersucht. Das Projekt entstand im Jahr 2005 mit dem Ziel, Frauen „in schwierigen Lebenslagen“ (so die von den Teilnehmerinnen selbst gewählte Beschreibung) zu befähigen, sich für ihre eigene Gesundheit einzusetzen, und damit die bewegungsbezogene gesundheitliche Chancengleichheit innerhalb kommunaler Settings Hierfür wurde eine systematische Literaturanalyse aller bisherigen BIG-Publikationen (n=37) durchgeführt und hinsichtlich genannter Ergebnisse analysiert. Alle Ergebnisse wurden nach deren Ebene, sprich Multiplikatoren oder Zielgruppe sowie den einzelnen Elementen des Capability-Cycle eingebettet. Hierbei zeigte sich, dass durch die Verwendung des Capability-Cycle eine ganzheitliche Betrachtung der erzielten Ergebnisse sowohl auf der Verhaltens- als auch auf der Verhältnisebene möglich ist. Durch die vorliegende Dissertationsschrift, konnte die Verwendung des Capability-Ansatzes insbesondere in der Gesundheitsförderung durch Bewegung geprüft und weiterentwickelt werden. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass der Capability-Ansatz für die Anwendung in der Gesundheits- und Bewegungsförderung eine Grundbasis bildet, welche verschiedene Sichtweisen (Empowerment und Ungleichheitsforschung, sowie das Verhalten selbst) mit einbezieht. In der Zukunft sollte der Ansatz daher in Interventionen weiter Anwendung finden, um diese spezifisch an die Zielgruppen anzupassen und dabei beeinflussende individuelle und strukturelle Faktoren sowie Multiplikatoren und deren Handlungsmöglichkeiten zu beachten.

DOI
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