Weiterentwicklung psychoonkologischer Versorgung an einem Universitätsklinikum

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Granting Institution
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Medizinische Fakultät
Issue Date
2023
Authors
Madl, Martina
Editor
Abstract

Hintergrund und Ziele

Die psychoonkologische Versorgung von Menschen mit onkologischen Erkrankungen während ihrer Behandlung in einem zertifizierten onkologischen Zentrum hat sich inzwischen etabliert. Die Strukturen dieser Versorgung innerhalb Deutschlands sind vielfältig. Einen gewissen Rahmen geben Zertifizierungsrichtlinien. Diese beinhalten allgemeine Angaben bzgl. behandlungsbedürftiger Patientinnen sowie eine Beschreibung zahlreicher therapeutischer Interventionen, die in der psychoonkologischen Versorgung eingesetzt werden können. Konkrete interventionelle Inhalte, die Basis einer psychoonkologischen Behandlung sind, wurden jedoch noch nicht definiert. Ziel der Studien im Rahmen der vorgelegten Dissertation war zum einen die quantitative Auswertung der aktuellen psychoonkologischen Versorgung innerhalb eines zertifizierten Onkologischen Zentrums (ONZ) und Comprehensive Cancer Centers (CCC), zum anderen die Entwicklung einer Behandlungstaxonomie. Spezifische Kenntnisse darüber wie hoch der Versorgungsbedarf bestimmter Patientinnengruppen ist und von welchen therapeutischen Interventionen diese besonders profitieren, können die Basis für eine personalisierte und patient*innenzentrierte psychoonkologische Versorgung bilden.

Methoden

In einer Querschnittstudie wurde die Gesamtheit der psychoonkologischen Versorgung, die innerhalb eines Jahres für erwachsene Krebspatientinnen im Universitätsklinikum Erlangen erbracht wurde, analysiert. Hierzu wurde in einem ersten Schritt die Dokumentationsmaske des Psychoonkologischen Dienstes (POD) grundlegend überarbeitet und eine Verfahrensanweisung für das einheitliche Ausfüllen der Maske erstellt. Für die Analyse wurde die Versorgungsleistung von zwölf Monaten herangezogen und dabei Angaben wie Anzahl der Sitzungen, Gesprächsdauer, Geschlecht, Alter, Familienstand, Kinder (ja/nein), vorbestehende psychische Erkrankungen, vorausgehende Psychotherapie, Krebsentität sowie die aktuelle Behandlungsform (Operation, medikamentöse Therapie, Bestrahlung etc.) berücksichtigt. Diese Daten wurden mithilfe von Regressionsanalysen ausgewertet, um den Einfluss der genannten Faktoren auf die Häufigkeit und die Dauer von psychoonkologischen Gesprächen zu untersuchen. In einer weiteren Studie wurde ein Konzept erstellt um zu ermitteln, welche therapeutischen Interventionen in der klinischen Versorgungspraxis eingesetzt werden und wie diese sich in einer Taxonomie gruppieren lassen. In einem schrittweisen Vorgehen erarbeitete ein Team von Psychoonkologinnen einen Datenpool mit den angewandten psychotherapeutischen Interventionen. Diese Interventionen wurden in Konsensgesprächen ausführlich erläutert und definiert. Im Anschluss konnte die Nomenklatur in einer Pilotphase im klinischen Versorgungsalltag getestet werden. Nach einer weiteren Überarbeitung der Interventionen wurde die Interrater-Reliabilität der Interventionen durch Expert*innen aus Forschung und klinischer Versorgung anhand von aufgezeichneten psychoonkologischen Sitzungen (Audiodateien) durchgeführt. Unterstützt durch eine Clusteranalyse ließen sich die Interventionen in übergeordnete Kategorien zusammenfassen.

Ergebnisse

In die Auswertung wurden insgesamt N = 1601 Patientinnen einbezogen, mit denen insgesamt 4235 Kontakte stattfanden. Regressionsanalysen zeigten, dass Frauen, jüngere Patientinnen, Erkrankte mit längerem stationären Aufenthalt sowie Behandelte mit vordiagnostizierten psychischen Erkrankungen signifikant mehr therapeutische Gespräche mit Mitarbeiterinnen des POD führten als andere Patientinnen. Behandelte Personen mit Hautkrebs nahmen signifikant weniger therapeutische Sitzungen in Anspruch als Patientinnen, mit einer hämatoonkologischen Erkrankung. Weiter zeigte sich, dass Patientinnen, die sich in einer medikamentösen Behandlung befanden (Chemotherapie, Immuntherapie, o. Ä.), mehr psychoonkologische Gespräche führten als Erkrankte, die sich einer Operation unterziehen mussten. In einem weiteren Regressionsmodell zeigte sich, dass jüngeres Alter und ein kürzerer stationärer Aufenthalt eine signifikant längere Gesprächsdauer voraussagten. Weiter ergab sich, dass Patientinnen mit Hirntumoren und Lungenkrebs signifikant längere Sitzungen hatten als behandelte Personen mit Hautkrebs. In der zweiten Studie konnten mithilfe eines Delphi-Verfahrens 22  psychotherapeutische Interventionstechniken identifiziert werden. Die ermittelte Interrater-Reliabilität für zwei unabhängige psychoonkologische Raterinnen betrug durchschnittlich 89 %. Die Übereinstimmung der Einschätzung von Psychoonkologinnen aus der klinischen Versorgung mit der Beurteilung der unabhängigen Raterinnen aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung lag bei 80 %. Mithilfe einer Clusteranalyse wurde die Gruppierung der Interventionen in fünf übergeordnete Kategorien erreicht.

Schlussfolgerungen und Diskussion

Die Ergebnisse zeigen, dass Häufigkeit und Dauer von psychoonkologischen Gesprächen von krankheits- und behandlungsbezogenen Kriterien abhängen, z. B. der Dauer des stationären Aufenthalts. Die Identifizierung spezifischer Patient*innengruppen, die eine höhere Anzahl an Kontakten und eine längere Gesprächsdauer in den psychoonkologischen Sitzungen benötigen, kann künftig eine Grundlage für die Planung von psychoonkologischen Gesprächen entsprechend den Bedürfnissen der Erkrankten bilden. Die strukturierte Taxonomie psychoonkologischer Interventionstechniken liefert eine Basis für weitere systematische Forschung und die angewandte klinische Versorgung. In aufbauenden Untersuchungen sollte die Taxonomie evaluiert und auf andere Kontexte und Versorgungssettings ausgeweitet werden.

Citation
Madl, M., Lieb, M., Schieber, K. & Erim, Y. (2021). The influence of patient-related factors on the frequency and duration of psycho-oncological sessions in a university cancer center. Journal of Psychosocial Oncology, 40(3), 380396. https://doi.org/10.1080/07347332.2021.1964013 Madl, M., Lieb, M., Schieber, K., Hepp, T. & Erim, Y. (2021). A Taxonomy for Psycho-Oncological Intervention Techniques in an Acute Care Hospital in Germany. Oncology. Research and Treatment, 44(7–8),382–389. https://doi.org/10.1159/000517532
DOI
URN
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