Dosis-Wirkungs-Beziehungen der Bewegungstherapie in der stationären Rehabilitation nach Knie- oder Hüft-Totalendoprothese aufgrund von Arthrose

Language
de
Document Type
Doctoral Thesis
Issue Date
2014-05-16
Issue Year
2014
Authors
Hendrich, Simon
Editor
Abstract

Der demographische Wandel in Deutschland geht mit einer Erhöhung der Prävalenz chronischer Erkrankungen und einem steigenden Bedarf an Leistungen zur medizinischen Rehabilitation einher. Bei orthopädischen Indikationen und insbesondere nach Knie- oder Hüft-TEP stellen bewegungstherapeutische Interventionen den zentralen Rehabilitations-Inhalt dar. Die entsprechende Evidenz ist allerdings lückenhaft und folglich mangelt es an tragfähigen Aussagen über entsprechende Dosis-Wirkungs-Beziehungen, z. B. hinsichtlich der spezifischen Effekte unterschiedlicher bewegungstherapeutischer Intensitäten, Häufigkeiten oder Umfänge. Die Ableitung evidenzbasierter Praxisempfehlungen ist auf dieser Basis kaum möglich. Angesichts begrenzter Ressourcen im Gesundheitswesen und im Rehabilitationssystem nimmt jedoch die Notwendigkeit der Erbringung von wirksamen und effizienten Leistungen sowie entsprechenden Nachweisen zu. Das Ziel der vorliegenden Arbeit war es, vor diesem Hintergrund zur Schaffung tragfähiger Aussagen zu den Dosis-Wirkungs-Beziehungen der Bewegungstherapie in der Rehabilitation nach Knie- oder Hüft-TEP und somit zur Schaffung einer Basis für die zukünftige Ableitung von evidenzbasierten Empfehlungen für die therapeutische Praxis beizutragen. Zu diesem Zweck wurde zunächst eine prospektive, explorative Kohortenstudie mit 27 Hüft- und 35 Knie-TEP-Probanden durchgeführt, in welcher das konventionelle stationäre Rehabilitationsprotokoll einer kooperierenden Rehabilitations-Klinik hinsichtlich der Veränderungen funktioneller und gesundheitsbezogener Ergebnisparameter sowie hinsichtlich bestehender Korrelationen mit der Dosierung der Bewegungstherapie untersucht wurde. Hierbei konnten zwar statistisch signifikante Zeiteffekte mit teilweise großen Effektstärken, jedoch nur geringe bis mittlere, inkonsistente Korrelationen mit der Dosierung der Bewegungstherapie sowie eine insgesamt niedrige, potenziell unterschwellige bewegungstherapeutische Intensität festgestellt werden. In der anschließenden randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie mit vier Messzeitpunkten (am Beginn und Ende der Bewegungstherapie sowie nach weiteren drei bzw. neun Monaten) und jeweils 61 Hüft- und Knie-TEP-Probanden wurde in der gleichen Einrichtung das konventionelle mit einem intensivierten Bewegungstherapieprogramm verglichen. Die Intensivierung wurde durch ein intensiveres, progressives Krafttrainingprotokoll (Borg 12/14/16 in den Rehabilitationswochen 1/2/3) realisiert, da Krafttraining in der Literatur als zentraler Bestandteil der Bewegungstherapie nach Knie- oder Hüft-TEP angesehen und in der klinischen Praxis standardmäßig eingesetzt wird. In beiden Indikationen zeigten sich zu keinem Zeitpunkt statistisch signifikante Interaktionseffekte (Gruppe x Zeit) zwischen der Interventions- und der Kontrollgruppe. Allerdings konnten statistisch signifikante Zeiteffekte mit mittleren bis großen Effektstärken in allen Ergebnisparametern (teilweise noch neun Monate nach dem Ende der stationären Rehabilitation) identifiziert werden. Auf dieser Basis bleibt der Einfluss der Bewegungstherapie auf den Rehabilitationsverlauf jedoch weiterhin unklar. Dies wirft, auch angesichts der hohen und voraussichtlich weiter ansteigenden Fallzahlen und der bestehenden Resssourcenknappheit im Gesundheits- bzw. Rehabilitationswesen, die Frage nach den Gründen für die umfangreiche, und in Deutschland überwiegend in einem stationären Setting erfolgende, bewegungstherapeutische Leistungserbringung in der Rehabilitation nach Knie- oder Hüft-TEP auf. Auf der Basis existierender Studien zur Wirksamkeit bewegungstherapeutischer Interventionen (einschließlich der vorliegenden) lässt sich diese kaum beantworten. Für die Zukunft kann daher von einem steigenden Legitimationsdruck zur Erbringung von wirksamen und effizienten Leistungen sowie entsprechenden Nachweisen ausgegangen werden. Existierende bewegungstherapeutische Programme sollten daher zukünftig verstärkt hinsichtlich bestehender Dosis-Wirkungs-Beziehungen analysiert werden. Durch große, multizentrische, prospektive, explorative Kohortenstudien könnte zur Schaffung einer besseren Datenbasis zur Identifizierung potenziell wirksamer Inhalte und/oder Dosierungs-Komponenten der Bewegungstherapie beigetragen, und im Zuge dessen vielversprechende Ansatzpunkte für RCTs zur Überprüfung der Wirksamkeit unterschiedlicher Dosierungen generiert werden. Um zukünftig dem zunehmend zentralen Rahmen für Interventionen in der Rehabilitation, der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit ihrer biopsychosozialen Betrachtung von Gesundheitsproblemen und den damit verbundenen modernen Zielstellungen von Bewegungstherapie gerecht zu werden, stellt auch die verstärkte bzw. systematischere Integration verhaltensorientierter bewegungstherapeutischer Inhalte in existierende Programme bzw. die Entwicklung und Evaluierung verhaltensbezogener bewegungstherapeutischer Konzepte einen innovativen Forschungsansatz dar.

DOI
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